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Markus Schinwald © Markus Schinwald
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WIENER FESTWOCHEN: MARKUS SCHINWALD IM INTERVIEW Walter Seidl traf Markus Schinwald zum Gespräch

May 24, 2021

Im Auftrag der Wiener Festwochen verwirklicht der von Thaddaeus Ropac vertretene, international erfolgreiche Künstler einen Totentanz – „Danse Macabre“.

Walter Seidl: Danse Macabre ist eine im 14. Jahrhundert in Frankreich aufgekommene bildliche Darstellung von allegorischen Szenen, in der der personifizierte Tod mit 24 Personen einen letzten Tanz vollzieht, was auch als Grundlage für dramatische Dichtungen diente. Die Referenzen hierzu bildet der Schwarze Tod beziehungsweise die Pest, eine der großen Pandemien der Geschichte. Was waren deine Überlegungen hinsichtlich der Parallelen zwischen dieser und der aktuellen Pandemie?

Markus Schinwald: Die Arbeit an dem Stück hat vor drei Jahren, also lange vor der aktuellen Situation begonnen. Ich war über die Parallele zur aktuellen Situation gar nicht glücklich. Mein Fokus lag eigentlich auf einer anderen Form der Krise, einer ohne externe Komponenten wie einer Naturkatastrophe oder eben das Virus. Mich hat besorgt, in welcher Geschwindigkeit sich die Gesellschaft fragmentiert, wie sehr sich Gemeinsamkeiten verflüssigen und wie selektiv sich die Gesellschaft solidarisch und empathisch zeigt. Ich habe die letzten Jahre in den USA gelebt und diese Entwicklung dort vielleicht noch deutlicher zu spüren bekommen als hier, aber natürlich ist das ein globales Problem. Ich wollte mit dem Stück eine Stimmung andeuten, die aber heute zu allgemein wäre, eine Stimmung, die wir jetzt sofort zuordnen würden. Mir ist klar, dass gerade ein Totentanz durch die Erfahrung, die wir in den letzten eineinhalb Jahren gemacht haben, gelesen wird. Es ist also ein anderes Stück geworden und ich habe dem pessimistischen Ton der Inszenierung eine kleine Drehung verpasst. Die Grundlage ist immer noch eine politische, aber das Stück hat jetzt eine andere Betonung, eine, die wahrscheinlich etwas leichter rüberkommt.

WS: Deine Arbeiten zeichnen sich dadurch aus, dass du Körper und Räume in einer psychogeografischen Fragmentiertheit begreifst. Welche Ansätze sind für dich in der Umsetzung von darstellenden Produktionen wichtig und wie unterscheiden sich diese von deinen bildkünstlerischen Arbeiten? 

MS: Ich mache wenig Unterschied, wie ich die Dinge angehe, aber natürlich ist die einsame Arbeit an einem Bild eine ganz andere als mit vielen Menschen. So eine Art zu arbeiten fordert mich mental sicherlich mehr als die Studioarbeit, bei der die Grenzen zu meiner Umgebung klarer gezogen sind. Ich glaube, dass die Unterschiede eher in der Rezeption als in der Produktion zu finden sind. Es ist kein Zufall, dass wir das Interview für eine Kunstzeitschrift machen und nicht für eine Bühnen- oder Musikzeitung. Jedes Genre hat eine spezifische Geschichte und Konventionen, die nur bedingt kompatibel sind, und so bin ich mir sicher, dass auch Danse Macabre sehr unterschiedlich wahrgenommen wird.

WS: Wie weit werden Szenen von dir choreografiert beziehungsweise wie sehr lässt du den Performer*innen freien Raum in der Umsetzung, da du seit Beginn in deinen Filmen mit Tänzer*innen und Performer*innen gearbeitet und diese Kooperationen kontinuierlich ausgebaut hast?

MS: Das ist ganz unterschiedlich, manchmal sind mir bestimmte Bewegungen sehr wichtig, oft kommen diese aber zu hundert Prozent von anderen. Ich arbeite nun seit über 20 Jahren mit Performer*innen und immer noch ist kein Choreograph aus mir geworden. Ich glaube dieser Zug ist abgefahren. Choreograph bin ich am ehesten wenn ich mit Räumen arbeite, mit Performer*innen agiere ich wahrscheinlich wie ein Architekt.

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